
Legasthenie (auch Dyskalkulie) wird häufig ausschließlich als Lernstörung betrachtet, die vor allem in schulischen Kontexten durch Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben auffällt. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Immer mehr wissenschaftliche und gesellschaftliche Stimmen weisen darauf hin, dass legasthenisches Denken keineswegs nur mit Defiziten verbunden ist – im Gegenteil: Viele Menschen mit Legasthenie verfügen über außergewöhnliche geistige Stärken, die in einer Welt voller Komplexität, Veränderung und Innovation besonders gefragt sind.
Warum ist Legasthenie mehr als eine Schwäche?
Legasthenie/Dyskalkulie betrifft nicht die Intelligenz, sondern die Art und Weise, wie Informationen im Gehirn verarbeitet werden. Legasthenisch veranlagte Menschen denken oft ganzheitlich statt linear. Das bedeutet, dass sie Zusammenhänge erfassen, Muster erkennen und größere Strukturen intuitiv begreifen können – oft ohne sich bewusst auf einzelne Details zu konzentrieren. Was in der Schule manchmal hinderlich erscheint, kann in kreativen, technischen oder strategischen Berufen ein enormer Vorteil sein.
Was macht legasthenisches Denken kreativ?
Ein zentrales Merkmal vieler legasthenischer Denker ist ihre ausgeprägte Vorstellungskraft. Statt Informationen nur abstrakt oder sprachlich zu verarbeiten, denken sie häufig in Bildern, Geschichten oder räumlichen Modellen. Sie verknüpfen scheinbar Unzusammenhängendes miteinander und entdecken dadurch neue Perspektiven oder Lösungen. Diese Fähigkeit, Dinge „anders“ zu sehen, ist eine zentrale Quelle von Kreativität. In Kunst, Musik, Design, Technik oder Innovation zeigen sich hier regelmäßig beeindruckende Leistungen.
Welche Denkstärken zeigen sich bei Legasthenikern?
Menschen mit Legasthenie zeichnen sich oft durch mehrere besondere Denkstile aus. Dazu gehört ein starkes räumliches Denken, also die Fähigkeit, dreidimensionale Strukturen oder Prozesse im Kopf zu drehen, zu analysieren oder vorauszudenken. Auch das vernetzte Denken ist typisch: Informationen werden nicht isoliert betrachtet, sondern intuitiv in Beziehung zueinander gesetzt. Außerdem speichern viele Legastheniker Wissen in Form von Geschichten oder emotional geprägten Bildern – das führt dazu, dass sie Fakten in einem lebendigen Zusammenhang abrufen und weitergeben können. Eine weitere Stärke ist das flexible Denken: Die Fähigkeit, in unklaren oder sich verändernden Situationen handlungsfähig zu bleiben und neue Lösungen zu entwickeln.
Warum sind diese Denkweisen ein Vorteil im Beruf?
In der Arbeitswelt von heute – geprägt von Digitalisierung, Wandel und Komplexität – sind genau jene Fähigkeiten gefragt, die legasthenisch denkende Menschen oft mitbringen: kreative Ideenfindung, systemisches Denken, hohe Anpassungsfähigkeit und empathisches Handeln. Viele Menschen mit Legasthenie und Dyskalkulie entwickeln im Laufe ihres Lebens zudem eine große Frustrationstoleranz und enorme Ausdauer. Sie lernen, trotz Schwierigkeiten dranzubleiben und unkonventionelle Wege zu gehen. Diese Kombination aus Widerstandskraft, Innovationskraft und Out of the box-Denken ist ein starkes Fundament für Erfolg in unterschiedlichsten Berufen – von Technik über Management bis hin zu künstlerischen oder sozialen Tätigkeiten.
Was sollten Eltern und Pädagog:innen wissen?
Gerade im schulischen Kontext ist es entscheidend, den Blick nicht nur auf das zu richten, was vermeintlich fehlt – also auf Rechtschreibfehler, langsames Lesen oder unleserliche Handschrift. Viel wichtiger ist es, die besonderen Stärken zu erkennen und gezielt zu fördern. Legasthenisch denkende Kinder profitieren von einer Umgebung, die ihre Kreativität, ihr vernetztes Denken und ihre individuellen Ausdrucksformen anerkennt. Lehrer:innen sollten nicht allein auf die formale Korrektheit achten, sondern auf Inhalt, Ausdruck und die Tiefe der Gedanken. Auch Eltern können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Mut machen, Selbstvertrauen stärken und gemeinsam mit ihren Kindern alternative Lernwege erkunden.
Legasthenisches Denken ist also keine Störung, sondern eine besondere Form der Informationsverarbeitung – mit wertvollen Stärken und Talenten. Wenn wir aufhören, Legasthenie/Dyskalkulie als reines Problem zu sehen, und stattdessen die dahinterliegende Denkweise verstehen, eröffnen sich neue Chancen: für eine inklusivere Bildung, eine vielfältigere Arbeitswelt und eine Gesellschaft, die Unterschiedlichkeit als Ressource begreift.